Ausbildung im Wandel
Die Zahl, die diese Lage am schärfsten beschreibt, stammt vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Die Lösungsquote bei dualen Ausbildungsverträgen lag 2022 bundesweit bei 29,5 Prozent und damit auf einem Höchststand (BIBB). Nicht jede Lösung ist ein Abbruch, viele wechseln Betrieb oder Beruf. Genau das ist der Punkt: Fast jeder dritte Vertrag hält nicht bis zum Ende und in einem großen Teil der Fälle geht der Auszubildende zu jemand anderem.
Damit hat sich das Kräfteverhältnis umgekehrt. Wer heute ausbildet, konkurriert nicht nur um Bewerbungen, sondern um Verbleib. Junge Menschen vergleichen weiter, auch im zweiten Lehrjahr und sie tun es entlang von Kriterien, die in keiner Ausbildungsordnung stehen: Werde ich hier ernst genommen? Erklärt mir jemand die Zusammenhänge, oder halte ich nur etwas fest? Interessiert sich jemand dafür, wie es mir geht?
Ausbildungsqualität wird deshalb nicht am Prüfungsergebnis gemessen, sondern an der Erfahrung der ersten achtzehn Monate. Betriebe, die das unterschätzen, zahlen zweimal: einmal für die Ausbildung, einmal für die Nachbesetzung.
Was Ausbildungsqualität ausmacht
Fachlichkeit ist die Grundlage und bei den meisten Betrieben in Ordnung. Lernziele, Ausbildungsplan, erfahrene Ausbilder, das sitzt. Aufgekündigt wird selten wegen fachlicher Mängel. Aufgekündigt wird, weil ein junger Mensch das Gefühl hat, dass niemand ihn im Blick hat. Die BIBB-Analysen nennen als häufige Ursachen Konflikte im Betrieb, fehlende Betreuung und falsche Erwartungen an den Beruf, nicht zu hohe Anforderungen.
Die zweite Dimension ist Persönlichkeit. Ein Auszubildender bringt mit siebzehn oder achtzehn Jahren eine ganze Lebenslage mit in den Betrieb: erste eigene Wohnung, Führerschein, Handyvertrag, Elternhaus, das mitredet oder fehlt. Wer Urteilsfähigkeit fördert, bildet Menschen aus und nicht nur Arbeitskräfte. Das ist kein pädagogischer Luxus, es ist die Voraussetzung dafür, dass jemand nach der Prüfung Verantwortung übernehmen kann.
Die dritte Dimension ist Zukunftsfähigkeit und hier liegt das größte ungenutzte Feld. Ausbildung bereitet auf einen Beruf vor. Auf das Leben, in dem dieser Beruf stattfindet, bereitet sie kaum vor. Genau dort entstehen die Situationen, die im dritten Lehrjahr Konzentration kosten.
Wer Auszubildende nur fachlich begleitet, bildet gut aus. Wer sie als Menschen begleitet, behält sie.
Geldbildung als Qualitätsmerkmal
Mit dem ersten Ausbildungsgehalt beginnt für junge Menschen eine Reihe von Entscheidungen, die niemand mit ihnen geübt hat: Miete, Versicherungen, Ratenkauf, Handyvertrag, Steuererklärung, später Vorsorge. Die OECD hat 2024 in ihrer Bestandsaufnahme zur Finanzbildung in Deutschland festgehalten, dass sich hinter einem international solide wirkenden Durchschnitt erhebliche Unterschiede verbergen und der Bundesregierung eine nationale Finanzbildungsstrategie empfohlen (OECD 2024). Auch PISA zeigt für die Finanzkompetenz von Fünfzehnjährigen deutliche Leistungsunterschiede entlang der sozialen Herkunft (PISA 2022, Band IV). Übersetzt heißt das: Der Betrieb ist bei vielen Auszubildenden der erste Ort, an dem dieses Wissen überhaupt auftaucht.
Ein Ausbildungsbetrieb, der das aufgreift, tut zwei Dinge gleichzeitig. Er nimmt eine Belastung ernst, über die junge Menschen von sich aus nicht sprechen, weil sie mit Scham verbunden ist. Und er verschafft sich ein Unterscheidungsmerkmal, das kein Wettbewerber innerhalb einer Saison kopiert, weil es Haltung voraussetzt und nicht Budget.
Die Wirkung ist in allen drei Richtungen betriebswirtschaftlich messbar. Bindung: Wer sich in seiner Lebensrealität gesehen fühlt, wechselt seltener und erzählt es in seinem Jahrgang weiter. Leistung: Wer finanziell handlungsfähig ist, kommt ruhiger in die Schicht. Wirtschaftlichkeit: Wer versteht, wie Geld entsteht und wohin es fließt, versteht auch Materialkosten, Ausschuss und Nachkalkulation. Unternehmerisches Denken lässt sich nicht verordnen, es beginnt beim eigenen Geld.
Die drei häufigsten Einwände
„Das ist Aufgabe der Schule." Formal richtig, praktisch unerledigt. Genau deshalb hat die OECD eine nationale Strategie empfohlen. Bis diese wirkt, entscheidet die Herkunft darüber, ob ein junger Mensch Zusammenhänge erklärt bekommt. Ein Ausbildungsbetrieb, der hier ansetzt, ersetzt keine Schule. Er schließt eine Lücke, die vor seiner Werkbank steht.
„Azubis interessiert das nicht." Das Gegenteil lässt sich innerhalb von zehn Minuten prüfen. Sobald es um das eigene Geld geht, um den Handyvertrag, den Leasingwunsch, die erste Abrechnung, ist die Aufmerksamkeit vollständig da. Was nicht funktioniert, sind Produktvorträge im Ausbildungsgewand. Junge Menschen erkennen Vertrieb schneller als Erwachsene.
„Wir haben keine Kapazität." Der Einwand ist berechtigt, denn Ausbilder tragen längst mehr, als ihre Stellenbeschreibung hergibt. Geldbildung muss deshalb nicht vom Ausbilder selbst kommen. Sie fügt sich als eigenes Format in bestehende Strukturen ein und entlastet den Ausbilder in genau den Gesprächen, die er ohnehin führt.
Checkliste für Entscheider
Bevor Sie Maßnahmen zur Verbesserung der Ausbildungsqualität planen, lohnt sich ein Blick auf den Ist-Zustand:
- Wissen wir, wie unsere Azubis die Ausbildung bei uns wirklich erleben?
- Bereiten wir junge Menschen auf das Leben vor oder nur auf den Beruf?
- Gibt es Angebote, die Azubis in ihrer persönlichen Entwicklung stärken?
- Sprechen wir offen über Themen wie Geld, Werte und Zukunft?
- Heben wir uns als Ausbildungsbetrieb klar von anderen ab?
Passende Programme
Wenn Sie Ihre Ausbildungsqualität gezielt stärken wollen, bietet das Institut für Geldkultur® passende Formate an:
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