Wenn das Geld die Seele belastet

4. Juli 2025 | 0 Kommentare

Die unterschätzte Macht finanzieller Sorgen auf Psyche und Gesundheit

Finanzielle Bildung als Schutz und doch Randthema

Wer über grundlegende finanzielle Bildung verfügt, kann fundierte Entscheidungen treffen. Doch bei vielen Menschen bleibt das Thema Geld ein Randthema – verdrängt, verborgen, verschwiegen. Es fehlt an einer aktiven und bewussten Geldkultur®, an Wissen über Budgetierung, Vorsorge, Kredite und den bewussten Umgang mit Geld. Dabei ist finanzielle Gesundheit ebenso essenziell für das persönliche Wohlbefinden wie gesunde Ernährung oder Bewegung. Gleichzeitig dreht sich die Armutsspirale weiter: Inflation, steigende Wohnkosten und unsichere Arbeitsverhältnisse bringen viele Haushalte aktuell aus dem Gleichgewicht.

Tabu und Rückzug

Das Thema Geld ist in vielen Familien und Freundeskreisen ein Tabu. Wer in finanzieller Not ist, empfindet oft Scham und zieht sich zurück. Der Verzicht auf soziale Kontakte und kostenpflichtige Freizeitaktivitäten führt nicht selten zu Isolation – ein gefährlicher Teufelskreis, der Gesundheit und Wohlbefinden weiter schwächt.

Finanzielle Sorgen wirken wie ein unsichtbarer Dauerstress, der sich nicht auf das Konto beschränkt – sie können körperliche Erkrankungen auslösen oder bestehende verschlimmern. Besonders gravierend ist der Einfluss auf die psychische Gesundheit: Menschen mit Schulden leiden häufiger unter Depressionen, Angststörungen oder Schlaflosigkeit, das haben Studien gezeigt.

Armut trotz Wohlstand

Laut dem Statistischen Bundesamt gilt in Deutschland als arm, wer monatlich weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Das entspricht derzeit 1.378 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt und 2.893 Euro für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren. Trotz des wirtschaftlichen Wohlstands, den es hierzulande gibt, sind laut Statistik im vergangenen Jahr rund 17,6 Millionen Menschen in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen gewesen.

Die konkreten Folgen dieser Entwicklung sind alarmierend: Wer arm ist, kann oft nicht regelmäßig Rechnungen für Miete oder Strom begleichen, keine Urlaubsreise finanzieren, abgewohnte Möbel ersetzen oder sich gelegentlich mit Familie oder Freunden treffen, um gemeinsam auszugehen. In einem der reichsten Länder der Welt ist es längst zur Normalität geworden, dass zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen regelmäßig auf die Unterstützung der Tafeln angewiesen sind. Diese Entwicklung macht deutlich: Finanzielle Not ist kein Randphänomen, sie betrifft die Mitte der Gesellschaft und stellt eine ernsthafte Gefahr für Gesundheit, Teilhabe und Lebensqualität dar.

Armut als
Gesundheitsrisiko

Die Auswirkungen von Armut auf die psychische und körperliche Gesundheit sind gravierend. Sie zählt zu den zentralen Risikofaktoren für psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen – in besonders schweren Fällen kann sie bis hin zu Suizidgedanken oder -handlungen führen.

Wer dauerhaft unter finanziellen Belastungen steht, lebt im Zustand chronischen Stresses. Der Körper reagiert darauf mit einer stetig erhöhten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol und Adrenalin, was zu Bluthochdruck, Arteriosklerose und einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt. Auch das Risiko für Diabetes oder hormonelle Dysbalancen steigt. Diese biochemische Dauerbelastung wirkt sich negativ auf den gesamten Organismus aus, körperlich wie seelisch.

Finanzkompetenz ist, was viele nicht berücksichtigen, ist auch Gesundheitskompetenz.

Hinzu kommen die praktischen Einschränkungen, die ein Leben in Armut mit sich bringt. Besonders die Ernährung leidet oft unter dem geringen Budget: Hochwertige, frische und gesunde Lebensmittel sind für viele kaum erschwinglich. Stattdessen dominieren preiswerte, stark verarbeitete Produkte den Speiseplan – auch hier mit langfristigen Folgen für die Gesundheit. Die Verbindung zwischen finanzieller Not, schlechter Ernährung und psychischem Wohlbefinden erdeutlicht, dass Geldprobleme weit mehr sind als ein wirtschaftliches Problem: Sie sind ein gesundheitlicher Risikofaktor – individuell wie gesellschaftlich.

Der Staat als Gläubiger

Die Gründe für Überschuldung sind vielfältig und betreffen zunehmend auch Forderungen aus öffentlicher Hand. Laut dem aktuellen Überschuldungsreport 2024 des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff) entfielen im vergangenen Jahr 17,29 Prozent aller Forderungen auf öffentlich-rechtliche Gläubiger. Dies ist insofern besorgniserregend, als der Staat hier eine doppelte Rolle einnimmt: Einerseits tritt er als Gläubiger auf – etwa bei Rückforderungen von Sozialleistungen, Steuerforderungen oder Geldstrafen. Andererseits bestimmt er durch seine gesetzlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen maßgeblich die Lebensrealität überschuldeter Haushalte mit.

Schwache Resilienz in privaten Haushalten

Zunehmende Überschuldung ist eng mit strukturellen Schwächen der finanziellen Absicherung privater Haushalte verbunden. Laut der internationalen OECD/INFE-Erhebung zur Finanzkompetenz nutzen über 81 Prozent der Erwachsenen in Deutschland mindestens ein Kreditprodukt. Alarmierend ist, dass 31,2 Prozent der Befragten angeben, am Monatsende kein Geld mehr übrig zu haben. Fast ein Viertel (24,6 Prozent) verfügt über keinerlei Rücklagen, um Einkommensausfälle abzufedern. 14,7 Prozent müssten sich für größere Ausgaben Geld leihen.

Besonders Haushalten mit geringem Einkommen fehlt die Möglichkeit, Vorsorgeersparnisse zu bilden – ein Zustand, der sie anfällig für unerwartete finanzielle Risiken macht. In solchen Situationen wird Kreditaufnahme zur einzigen Möglichkeit, finanzielle Engpässe zu überbrücken – mit dem Risiko, langfristig in die Überschuldung zu geraten.

Die Gründe, die zur Überschuldung führen, sind:

  • Arbeitslosigkeit 17,5% 17,5%
  • Krankheit 13,1% 13,1%
  • Einkommensarmut 10,5% 10,5%
  • Gescheiterte Selbständigkeit 8,5% 8,5%
  • Konsumverhalten 8,3% 8,3%

Viele haben schlichtweg nicht gelernt, wie man mit Geld umgeht, wie man eine Budgetplanung erstellt oder Überblick über Einnahmen und Ausgaben behält.

Finanzielle Bildung als Schuldenbremse

Woran mangelt es? Es mangelt an grundlegenden Kenntnissen im Hinblick auf Geld und Finanzen, LINK um in Geldfragen gute Entscheidungen treffen zu können.

Finanzielle Bildung reduziert nicht nur Unsicherheit, sondern kann Verschuldung vorbeugen. Oft fehlt nicht nur Wissen, sondern ein Zugang zu Geld, der über Zahlen hinausgeht.

Im Institut für Geldkultur® wird Geld nicht als isoliertes Fachthema verstanden, sondern als Teil der Lebensführung. Vermittelt werden nicht nur Inhalte, sondern Zusammenhänge: zwischen Geld, Entscheidungen, Werten und innerer Haltung. Finanzbildung wird dabei als Verbindung von rationalem Wissen und emotionaler Klarheit verstanden. Es geht um Orientierung im Umgang mit Geld – als Teil von Selbstverantwortung und Teilhabe.

Die Vermittlung beginnt nicht bei der Produktkenntnis, sondern bei der Frage, wie Geld im Leben wirkt. So entsteht ein Zugang, der sowohl junge Menschen als auch Erwachsene befähigt, bewusst und reflektiert mit Geld umzugehen.

Geld bewusst betrachten

Einrichtungen wie das Institut für Geldkultur® setzen sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Geld und seinen Auswirkungen auf individuelles Verhalten auseinander. Dabei geht es nicht nur um ökonomische Bildung, sondern auch um die kulturellen, psychologischen und sozialen Dimensionen des Themas.

Das Institut versteht Geld als Teil unserer Lebenswirklichkeit, der weit über Zahlen hinausreicht. In Veranstaltungen und Veröffentlichungen wird untersucht, wie finanzielle Fragen mit Werten, Identität und Teilhabe verknüpft sind – und welchen Einfluss eine bewusste Auseinandersetzung mit Geld auf das individuelle und kollektive Wohlbefinden haben kann.

Im Gespräch „Manchmal fehlt das Geld, aber meistens das Vertrauen in sich selbst“ spricht Sabine Krusch über das, was finanzielle Sorgen im Inneren auslösen und warum es Räume braucht, um Klarheit, Selbstwert und Orientierung zu schöpfen.

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