Manchmal fehlt das Geld, aber meistens das Vertrauen in sich selbst.

2. Juli 2025 | 0 Kommentare

 

Ein Gespräch mit Sabine Krusch über Geld, Psyche und die Kraft der bewussten Haltung

LOOP°: Frau Krusch, der aktuelle Artikel im Magazin trägt den Titel „Wenn das Geld die Seele belastet“. Wie oft begegnet Ihnen dieses Thema in Ihrer Arbeit?

Sabine Krusch: Sehr oft. Und meist viel früher, als es nach außen sichtbar wird. Was viele unterschätzen: Fast jede Entscheidung, die wir im Leben treffen, hat etwas mit Geld zu tun. Ob wir bleiben oder gehen. Ob wir Ja sagen oder Nein. Ob wir uns trauen, etwas zu verändern oder ob lieber abwarten. Geld ist dabei nicht nur Mittel, sondern oft auch Maßstab: für Sicherheit, für Selbstwert, für Zugehörigkeit.

Wenn Geld fehlt oder zu viel Druck macht, verengt sich der Blick. Entscheidungen werden defensiv, Möglichkeiten erscheinen kleiner, als sie sind. Dann wird mit Geld nicht mehr gestaltet, sondern ertragen. Menschen agieren nicht mehr aus innerer Klarheit, sondern aus dem Mangel heraus. Sie verschieben, verzichten, verunsichern sich selbst. Und oft verlieren sie das Gefühl bzw. den Glauben überhaupt noch handlungsfähig zu sein.

Ich erlebe Menschen, die sich Schritt für Schritt innerlich zurückziehen und gleichzeitig funktionieren sie. Von außen sieht man vielleicht nur eine Forma von Unentschlossenheit oder Zurückhaltung. Aber innen ist da oft ein Schatten. Und diesen Schatten wird erzeugt von der ganz eigenen Beziehung zu Geld.

LOOP°: Was löst dieser Schatten Ihrer Erfahrung nach in den Menschen aus?

Sabine Krusch: Er schafft Distanz – zur Welt, zu anderen, oft auch zu sich selbst. Man spricht weniger. Man zieht sich innerlich zurück. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Unsicherheit. Viele hören auf zu träumen, zu planen, weil sie glauben, sie könnten es ohnehin nicht steuern bzw. schaffen.

Dabei ist genau das die Krux: Wer kein Vertrauen in die eigene Steuerungsfähigkeit hat, trifft kaum noch aktive Entscheidungen, sondern lässt sich treiben. Es entsteht ein Gefühl von Stillstand. Und dieser Stillstand ist nicht sichtbar, aber spürbar: in der Erschöpfung, im Zögern, im Rückzug. Man funktioniert nach außen und verliert nach innen die Verbindung.

Ich sage oft: Es ist nicht die Zahl auf dem Konto, die das Problem ist. Es ist, wie wir über diese Zahl denken, wie wir sie bewerten. Ob wir sie als Mangel empfinden, als Versagen, als Einschränkung. Oder ob wir einen Weg finden, sie als Teil unserer Realität zu sehen, aber nicht als Urteil über uns selbst.

Impuls zum Weiterdenken:

Steuerst du oder steuern dich deine Sorgen?

LOOP°: Sie sprechen von Scham. Warum ist das Thema Geld so stark damit verbunden?

Sabine Krusch: Weil Geld fast immer mit Bewertung verbunden ist. Nicht nur gesellschaftlich, vor allem innerlich. Wir haben gelernt, Geld als Beweis für Kontrolle, Leistung oder Stärke zu deuten. Und daraus wird schnell: Wer wenig hat, hat versagt.

Dahinter steckt ein Denkfehler, den die Psychologie gut kennt: der sogenannte Just-World-Bias – also der Glaube, die Welt sei im Kern gerecht und jeder bekommt, was er verdient. Aber dieser Glaube dient oft nur dem Selbstschutz: Wer davon überzeugt ist, dass Leistung automatisch zu Erfolg führt, kann das eigene Weltbild stabil halten. Das Problem dabei ist: Er blendet aus, dass es Brüche gibt. Umstände. Lebensrealitäten, die sich der Kontrolle entziehen. Und dieser Denkfehler erzeugt Distanz – genau da und genau dann, wo Nähe gebraucht würde.

Wer Geldprobleme hat, kämpft oft nicht nur mit Zahlen. Sondern mit Scham. Mit dem Gefühl, „nicht richtig“ zu sein. Und Scham macht still.

LOOP°: Was würde stattdessen helfen?

Sabine Krusch: Klassische Ratgeber helfen selten. Wirkungsvoller sind Räume, in denen Menschen sich selbst begegnen können. Ein Raum, in dem deutlich wird, was Geld auslöst, was es blockiert und was es verdeckt.

Das Institut für Geldkultur® versteht sich mit seinen Weiterbildungsformaten als solcher Ort, an dem emotionale und rationale Klarheit im Umgang mit Geld entwickelt und integriert werden kann. Geld wird hier nicht isoliert betrachtet. Es steht im Zusammenhang mit Entscheidungen, mit innerer Sicherheit und mit dem, was Menschen wirklich wichtig ist. Dabei entsteht oft ein neuer Zugang zu Geld: einer, der zum eigenen Leben passt.

Der Geldkultur® | Dialog schafft dafür einen geschützten Raum. Er lädt ein, über Geld ins Gespräch zu kommen, ganz ohne Bewertung oder Lösungsvorgabe.

ECHO°, unser Hörformat, ermöglicht einen leichten Zugang zu Fragen, die oft im Alltag überhört werden. Es ist ein Resonanzraum, der ein inneres Echo auslöst. Ein leiser Impuls, oft der Anfang einer Erkenntnis. Man hört, was sonst kein Thema ist. Man spürt, wie tief Geld wirkt. Denn der Umgang mit Geld verändert sich nicht durch Wissen allein. Er verändert sich durch Beziehung, durch Sprache und durch Vertrauen.

LOOP°: Was zeigt sich, wenn Menschen beginnen, hinzuschauen?

Sabine Krusch: Viele merken zuerst, wie sehr sie sich angepasst haben: an Erwartungen, an Vergleiche, an scheinbare Sicherheiten. Sie wissen vielleicht genau, wie viel sie verdienen. Aber nicht, was sie brauchen, um sich gut zu fühlen. Sie können rechnen. Aber nicht spüren, was es innerlich kostet, sich ständig anzupassen.

Ich sehe oft, dass Geld nicht das Problem ist. Es wirkt eher wie ein Verstärker. Es verstärkt Muster, Unsicherheiten, alte Überzeugungen. Es zeigt, wo Menschen nicht in Verbindung sind, mit sich selbst, mit dem, was ihnen eigentlich wichtig wäre.

Manche leben dauerhaft mit dem Gefühl, zu wenig zu haben – obwohl das objektiv nicht stimmt. Andere haben viel, aber kein Gefühl für Richtung. In beiden Fällen fehlt dasselbe: Vertrauen. In sich. In die eigene Klarheit. In den Wert der eigenen Entscheidungen.

„Meistens ist es nicht das Geld. Es fehlt das Vertrauen in sich selbst.“

LOOP°: Was möchten Sie Menschen mitgeben, die ihren Umgang mit Geld bewusster gestalten wollen?

Sabine Krusch: Ich würde sagen: Bleiben oder werden Sie ehrlich mit sich selbst. Nicht mit dem Ziel, alles richtig zu machen, vielmehr mit dem Wunsch zu erkennen, was stimmig ist.

Geld ist Teil der Realität, aber nicht die Wahrheit. Es zeigt viel. Es verschleiert auch viel. Und oft übernimmt es das Steuer, ohne dass wir es merken.

Wer beginnt, darüber nachzudenken, berührt auch andere Fragen: Was ist mir wirklich wichtig? Was trägt mich? Was begleite ich nur noch aus Gewohnheit? Was sollte ich aufhören?

Ich ermutige Menschen, den eigenen Maßstab zu finden. Nicht den der Werbung. Nicht den der Eltern. Nicht den der Finanzwelt. Sondern den, der wirklich zum eigenen Leben passt.

Und das braucht vor allem eines: Geduld mit sich selbst. Denn der Umgang mit Geld ist nicht nur eine Fähigkeit. Er ist ein Spiegel. Und manchmal der Ehrlichste, den wir haben.

Impuls zum Weiterdenken:

Wie wäre ein Umgang mit Geld, der wirklich zu Ihrem Leben passt?

Der Artikel „Wenn das Geld die Seele belastet“ in unserem LOOP° Magazin beleuchtet die psychischen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen finanzieller Belastung und zeigt, warum der Umgang mit Geld weit mehr ist als ein wirtschaftliches Thema.

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